Mein Onkel sah mich an

Mein Onkel sah zu mir rüber. Der Punkt in seiner Erzählung.

Onkel, du bist irre. Echt aber du bist irre. Dabei dachte ich die Geschichte wo du zu Fuß nach Moskau gegangen bist wäre schon wild, aber das das ist ja voll stark. Insgeheim spürte ich wie die Achtung vor meinem Helden ins unermessliche stieg. Würde ich mich das jemals trauen. Würde ich jemals in meinem Leben diesen Mut haben. Diese Kraft. Diese Unerschrockenheit. Ich sah meinen Onkel durch die Dunkelheit an, hörte das singen der Reifen. Das Rauschen der heran und vorbeifahrenden Autos. Es war ein unglaublich magischer Moment der da zwischen uns entstand, auf der Reise nach Norden. Ich war schon irre gespannt auf Hedi, auf meine Tante. Auf die Frau für die mein Onkel durch jede Hölle gegangen wäre. Denn nichts anderes war diese Geschichte eben.

Woher hast du diesen Mut, Onkel? Fragte ich ihn. Das hat nichts mit Mut zu tun, Roland. Das ist eine Entscheidung die du triffst, tief in deinem Inneren. Du entscheidest dich dafür etwas zu wollen. Diesem wollen unterwirft sich dann dein ganzes Sein. Egal ob es die Hand einer Frau ist oder das Muttertags Geschenk für deine Mutter. Wenn du es 100% willst, wird es nichts geben was die davon trennen kann. Das Universum wird alles für dich in Bewegung setzen damit du es bekommst. Alles.

Ich sah eben beim Beifahrerfenster raus auf die vorbeistürmenden Bäume in den Wäldern die links und rechts des Motorways 11 entlang wuchsen. Spürte aber gleichzeitig den Blick meines Onkels. Den Punkt in seiner Erzählung. Spürte auch das willkommene Fragezeichen. Ich sah zu ihm rüber, stellte meine Frage die mir am Herzen brannte wie eine Fackel mit der die „Reif Hoaza Buam“ die Feuer auf den Feldern anzündeten.

Was ist der Sinn meines Lebens? Wofür bin ich in diese Welt gekommen? Das frage ich mich seit langem. Mein Onkel nickte. Drehte am Knopf zum Radio, Musik erklang, „Wish you where here“ von Pink Floyd. Mein absoluter Topsong in dieser Zeit. Als das Lied vorüber war, drehte mein Onkel den Radio wieder leiser.

Es gibt keine wirkliche Antwort auf deine Frage was der Sinn deines Lebens ist und wofür du in diese Welt gekommen bist. Das weiß am Ende nicht mal der der dich erschaffen hat. Der einfachste Vergleich ist, stell dir vor alles was du in deinem Leben berühren kannst sind die Schachfiguren auf dem Brett. Bei deiner Geburt waren die Figuren aufgestellt. Doch dann kommt deine Seele dein Du dein Es dein Alles in allem. Bewegt die Figuren. Schwarz, Weiß, Bauern, König, Läufer, Springer. Wenn du großes Glück hast erkennst du irgendwann wie dir richtige Zugfolge ist. Bauer 2 Felder am Start dann ein Feld nach vorne. Bauer schlägt nach rechts oder links ein Feld. Bauer am anderen Ende des Feldes angekommen kannst du diesen wandeln. In jede Figur die du willst. Doch wo ist das Ende der Anfang der einzelne Züge der Schachpartien. Die Vielfalt der Zug Varianten. Doch dies ist am Ende auch nur ein Spiel das sich Menschen irgendwann mal ausgedacht haben. Jedoch ohne die Möglichkeiten die dir angeboten werden zu kennen. Das Menschen Schach ist noch um vieles komplizierter und aufregender und unendlicher. Das einzige was sicher ist ist, das alles immer möglich ist.

Punkt. Er sah mich an. Oftmals wünschte ich mir das Leben wäre so einfach wie das Spiel Ball an die Wand. Werfen drehen und fangen. Doch gleichzeitig durch die Vielfalt der Möglichkeiten ist es ja auch Aufregend. Gerade jetzt sitze ich neben meinem Helden im Auto Richtung Nord Kanada. Wir fahren mit 90 Meilen pro Stunde durch die Dunkelheit. So ging unsere Reise weiter und weiter. Geschichten von Moskau, von Texas wo das Klima so trocken ist das er sich wohlfühlte nach seinem Herzinfarkt. Dabei griff sich mein Onkel auf den Herzschrittmacher der über seinem Herzen unter der Haut gut sichtbar war. Auch jetzt im Dunkeln. Nach 6 Stunden Autofahrt auf dem Motorway 11 kamen wir beim Motel meines Onkels in Engelhart an. Es war stockdunkel, Sterne am Himmel. Ich schleppte meinen Koffer hoch in den zweiten Stock des Wohnhauses das gleich neben dem Motel gebaut war. Schlaf dich mal aus. Sagte mein Onkel als er mich in das Zimmer brachte das die beiden für mich vorgesehen hatten. Hedi schlief schon denn sie hatte Morgen Dienst im Motel, das vor allem von den Truckern belegt war und den Touristen die hoch zu den Seen unterwegs waren. Es gab auch einige Goldsucher wie mir mein Onkel berichtete. Ein durchwegs buntes Menschenbild das hier ein und aus ging in all den Jahren.

Ich legte mich noch angezogen aufs Bett, wollte einfach nachspüren was da passiert war mit mir und um mich in den letzten 36 Stunden seit ich von zu Hause aufgebrochen war. Einiges. Ich schloss kurz die Augen. Wollte mich eigentlich ja noch umziehen. Doch das wurde nichts mehr. Sofort schlief ich ein und wachte am nächsten Tag gegen Mittag auf.

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