Kanada ich komme

Ja mein Onkel Otto.  So hieß der Bruder meiner Mutter. Er war wieso auch immer der Einzige mit dem meine Mutter aus ihrer Familie Verbindung gehalten hat. Zugehörigkeitsgefühl? Ich habe es eigentlich nie hinterfragt wieso. Sie hat viele Geschichten über Onkel Otto erzählt. Damals als er vom Krieg zurückgekommen ist, saß er auf dieser Bank da vor ihrem Haus in der Steiermark. Gerade zurückgekommen von der Gemeinde. Mit der Information das er die geplante Hühnerfarm nicht eröffnen durfte. Anscheinend war sich die Gemeinde zu gut mit einer Hühnerfarm in Verbindung gebracht zu werden. Onkel Otto hatte schon während dem Krieg seine Freundin die schöne Hedi geheiratet. Sie war die Tochter des Bauunternehmers im Ort. Nach dem Krieg war die Baubranche mit Sicherheit eine Branche in der Zukunft und viel Geld versprochen wurde. Doch das interessierte meinen Onkel nicht. Er hatte seine Erfahrungen im Krieg gemacht. Mit Leuten, mit Kameraden die einem verraten hatten nur weil sie auf die Freundin des anderen scharf waren. Verrat im Krieg bedeutete, gerade im 2. Weltkrieg das Todesurteil. Die letzten Monate des Krieges verbrachte mein Onkel oben in Knittelfeld bei der Luftabwehr. Wohin er mit 15 eingezogen wurde. Jetzt wo er da auf der Bank saß waren diese Ereignisse schon knapp 6 Jahre her. Der 23. Februar 1945, neuerdings nannten sie den Tag den „schwarzen Freitag“. Erzählte mein Onkel meiner Mutter mal. Doch an diesem Tag saß er auf der Bank im Ort und dachte an die Momente wo die alliierten Bomber über das Land donnerten. An diesem Tag sah er hoch in den Himmel, es war ein strahlender Sommertag, die Bomben lange schon abgeworfen. Doch immer noch wenn er daran dachte, mein Onkel konnte er seine Kameraden neben sich schreien hören. Hörte die Explosionen der Sprengbomben. Wieso hatte er eigentlich damals überlebt. Jetzt wo er die Hilfe brauchte für seine Idee der Hühnerfarm, lachten sie ihn dumm an.

Verdammt. Er stand auf ging ins Haus, packte seinen Rucksack küsste seine Frau und sagte ihr, ich geh nach Moskau. 1951 mitten durch die russische Besatzungszone und vielleicht half ihm auch der gerade mehr als aufkeimende Gedanke eines vereinten Europas. In jedem Fall war es ein Husarenstück wie es ja wohl heißt. Mein Onkel war ein 1.95 großer blonder Mann mit blauen Augen. Nicht selten hatte er genau mit seinem Aussehen zu seiner Zeit viele Frauenherzen erobert. Doch als er seine Hedi geheiratet hatte war es eher ein schelmisches Flirten mit Frauen als der Wunsch Herzen zu erobern.

Mit diesen Gedanken über und an meinen Onkel fuhr ich mit meinem Vater und meiner Mutter zum Flughafen. Flugnummer 1278 stand dick auf meinem Flugticket. Abflug 19.30 Uhr Austrian Airlines Richtung Frankfurt/Main. Aufenthalt in Frankfurt 12 Stunden dann weiter mit der Pan American World Airways nach Toronto. Dort sollte ich mich mit meinem Onkel treffen, ich kannte ihn nur von Fotos. Er war ja nie wieder zurück gekommen. Er meinte oft in den Briefen an meine Mutter, das er zu Enttäuscht war und zu stolz das Land wieder zu betreten. Am Flughafen nahm mich meine Mutter nochmals lange in den Arm. Mich den 16 Jahre alten Jungen. In ihren Augen bestimmt für immer ihr Baby, Kind, ihr besonderes Geschöpf. Mein Vater umarmte mich auch nochmal und sagte, mach keine Dummheiten. Dann drehte ich mich um und verließ die beiden in Richtung Abfertigungshalle.

Als die DC-9 der Austrian Airlines in den Abendhimmel abhob, war plötzlich meine Aufregung weg. Es spürte sich alles so leicht an. Ich war einfach glücklich. Der Mann neben mir las in einer deutschen Zeitung. Ich sah jedoch meistens beim Fenster raus. Ich hatte das Glück einen Fenstersitz knapp vor dem Flügel der DC-9 zu ergattern. Unter uns die Erde, Schnee auf den Bergen, obwohl es Sommer war, vereinzelt Wolken. Die Sonne am Horizont gerade dabei im Meer zu versinken. Ja das Meer war deutlich zu sehen, zumindest sah es für mich so aus. Der Flug sollte 1 ½ Stunden dauern. Kaum merklich wurde es dunkler unter uns. Es war ja noch der Beginn des Sommers. Lange Tage mit Licht und Schatten. Die Donau. Viele kleine und größere Städte, ich dachte an meinen Onkel. Damals in Knittelfeld, für die Piloten der alliierten Bomber musste es ähnlich ausgesehen haben. Über Städte Dörfer zu fliegen. Keiner von ihnen hatte gewußt das da unten mein Onkel Widerstand leisten wollte, leistete. Sie warfen ihre Last ab und drehten ihre Bomber gegen den Luftstrom in Richtung ihrer Homebase. Dort stiegen sie dann aus und gingen mit ihren Kumpel auf ein Bier. Welch Glück das all ihre Bomben meinen Onkel verfehlt haben. Dachte ich in diesen Moment. Welch Glück für mich.

Meine Mutter war genau so alt wie ich jetzt als der Krieg zu Ende war. Sie erzählte mir viele Geschichten aus dieser Zeit. 5 Jahre ihrer Jugend erlebte sie in der Kriegszeit wie viele viele andere junge Frauen auch. Geprägt durch Bomben, alliierte Soldaten. Geprägt von Menschenhass in der Politik, Hass auf Menschen hervorgerufen von Leuten die nichts weiter als Macht im Kopf hatten. Macht über Menschen. Bei diesen Gedanken schwor ich mir wenn ich zurück bin, das erste was ich mache ist meine Mutter in den Arm zu nehmen und ihr ein Dankeschön auszusprechen. Dankeschön das sie immer darauf geachtet hatte und sie achtet immer noch darauf das ich mir meine eigene Meinung bilde. Sie hat mir oftmals aus ihren Lieblingsbücher vorgelesen. Adorno, Kafka, Schiller, Grillparzer. Sie liebte Literatur.

Ich dachte für einen Moment an mein Taschengeld für den Flug und nahm mir vor in Frankfurt ein gutes Buch für den Überflug nach Kanada zu besorgen. Es war wie in einem der Reisezüge. Mal in der Luft, war das reisen mit einem Flugzeug, etwas sehr entspannendes. Ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Ganz zu schweigen von den hübschen Stewardess. Sie bot mir auch mal einen Tee oder Kaffee an. Gerne nahm ich ihr Angebot an und beobachtete sie dabei wie geschickt sie, trotz leichter Turbulenzen den Tee einschenkte. Mein Nachbar ließ ein Lob verlauten ob der Geschicklichkeit. Gelernt ist gelernt meinte er mit einem freundlichen Lächeln in ihre Richtung.

Dann die Durchsage, das wir den Flughafen Frankfurt in 5 Minuten anfliegen und zur Landung ansetzen, mit der Bitte die Gurte anzulegen die Sitze hochzustellen und die Tische zurückzuklappen. Die Landung war denn genauso schnell und perfekt durchgeführt wie der gesamte Flug. Linienflüge in den 70 er Jahren waren ja wirklich keine Aufregung mehr, meinte mein Sitznachbar, nachdem er angedeutet hatte das er 2 mal die Woche diesen Flug Frankfurt hin und zurück machte. Wieder ein freundliches Lächeln als Satzzeichen.

Als wir wieder Boden unter den Füßen hatten, gingen wir rüber zum Bus der uns hinein brachte zur Aufenthaltshalle. Am Weg dahin verabschiedete ich mich von meinem freundlichen Flugkollegen in Richtung Transitaufenthalt. Da ich die formalen Angelegenheiten schon hinter mir hatte. Brauchte ich hier in Frankfurt nicht nochmals Reisepass, Visum und so weiter herzeigen. Dafür konnte ich auch nicht den gesamten Flughafen erkunden sondern nur den Transitbereich.

Ich erkundete die Geschäfte, Bücher, Textilien, Esswaren. Es gab vieles und vieles im Überfluss. Ein richtiges Aushängeschild der 70 er Jahre so ein Flughafen mitten in Europa nach all den Wirren der letzten Jahrzehnte. Kehrte jetzt so etwas wie Menschlichkeit in den Alltag. Menschen suchten sich um sich mit Menschen auszutauschen. Es war ein gutes Gefühl in der Fremde zu sitzen und zu wissen als Mensch gesehen zu werden und nicht als Teil einer Gruppe, Teile eines Systems, Teil von etwas. Menschen unter Menschen in menschlicher Umgebung. Die ohnehin verwirrend oft genug war. Verwirrend für einen 16 Jahre alten Menschen auf dem Weg zu seinem Lebens Mysterium. Onkel Otto!

Ich schmökerte in den Zeitschriften des Flughafens, kaufte mir mein Lieblingseis. Eine Tüte mit Chips. Kaugummi. Ein Buch zum Thema Handelsreisende in Europa und Übersee. Geschrieben von einem Handelsreisenden eines Pharmaunternehmen. Er erzählte darin von seinen Erfahrungen mit Behörden, mit Geschäftsführer, mir Menschen rund um die Welt. Die große Gemeinsamkeit die er unter all diesen Menschen rund um den Erdball feststellte war, Dankbarkeit und Liebe geschenkt konnte den einfachsten Menschen auf jeder Straße dieser Welt zum lächeln bringen. Ablehnung, Überheblichkeit, Besserwisserei konnte den einfachsten Menschen auf jeder Straße dieser Welt zum Feind machen.

Ich nahm mir vor von jetzt an schon öfter mal danke zu sagen auch für selbstverständliche Gesten. Schon beim einchecken zu meinem Flug Richtung Toronto, ergab sich die erste Gelegenheit. Der Sicherheitsmann sah mich an, streifte mit seinem Scanner über meinen Körper und fand nichts zu beanstanden. Ich sah ihn an und bedanke mit für seine Arbeit. Es war faszinierend sein Gesicht zu beobachten in diesem Moment. Das einfache Wort – Danke ließ in seinem Gesicht die Sonne aufgehen. Ein Lächeln war sein Dankeschön für mich.

Konnte einen fast süchtig machen so gesehen – Dankbarkeit. Ehrliche Dankbarkeit natürlich. Bei den hübschen Stewardessen fiel es ja etwas leichter. Wobei diese jetzt ja von Pan Am waren und logischerweise nur noch Englisch zum Ziel führen konnte – doch Thank You – war ja nun auch keine wissenschaftliche Herausforderung. Der Flug ging vorüber unter der Last meiner Gedanken an das Neue das Bekannte unbekannte was in Kanada auf mich wartete. Wie beschreibe ich das Gefühl des bekannten unbekannten am besten. Vielleicht mit dem Vergleich am Morgen durch zustehen zu wissen es gibt Frühstück und sich den Genuss der Überraschung zu leisten in dem nicht sofort gedacht wird – kenne ich schon den Geschmack.

Das Flugzeug landete genau so still und einfach wie es gestartet war, schon wurde aus mir nach kaum 14 Flugstunden ein Allwissender Jugendlicher – kaum mal eine Sache gecheckt ist alles klar. Ja so war ich. Ich gab mir selbst oft viel zu wenig die Gelegenheit das bekannte unbekannte zu erforschen.

Als ich am Gepäckband nach meinem Koffer Ausschau hielt, horchte ich in mich rein. Ich war ordentlich nervös und aufgeregt. Nach all diesen Jahren des Heldentums verbreitete über Briefe und Erzählungen meiner Mutter den wahren Protagonisten meines Heldenepos gegenüber zustehen. Mein Koffer kam, darin war auch das Geschenk für meinen Onkel ich dachte kurz darüber nach es auszupacken. Nein. Später im Auto sollte ich es ihm geben oder Daheim bei Ihm. Waren die wohl gemeinten Tipps meiner Mutter die mir in diesem Moment durch den Kopf schwirrten, wie Gelsen am See. Ich packte meinen Koffer und ging Richtung Ausgang, Zollabfertigung. Eine 20 Menschen umfassende Schlage vor mir. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Helden.

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