Im Krankenhaus

Ich war zweimal richtig krank. Das erste mal mit einer Stirnhöhlenvereiterung. Da schwoll mein rechtes Auge über Nacht zu und am nächsten Morgen bracht mich die Rettung ins Krankenhaus. Dort verweilte ich dann mit 12 Jahren 6 Wochen unter lauter alten Leuten. Einmal war sogar eine 80 Jahre alte Frau im Zimmer in dem insgesamt 8 Betten standen.

Links von mir lag ein Mann auch schon über 70 Jahre alt. Ich wusste nicht welche Krankheit er hatte. Er atmete tief und schwer in der Nacht. Nach zwei Nächten hörte ich plötzlich kein Atmen mehr.

Ich sprang aus dem Bett und lief nach vorne zum Stützpunkt der Schwestern diese machten vollen Stress. Der alte Mann war in dieser Nacht gestorben. Einfach so. „Ja so schnell kann es gehen.“ meinte der Weinbauer der ein Bett weiter Richtung Zimmerfenster lag. Er hatte eine Glatze, aufgrund seiner Operation am Gehirn.

Was genau er hatte wusste ich nicht. Ab dem ersten Tag meiner Einlieferung ins Spital bekam ich Antibiotika. Schon am nächsten Tag ging die Schwellung zurück. Eigentlich war ich für meine Begriffe gesund. Doch die Ärzte behielten mich zur Beobachtung 6 Wochen da. Was beobachteten die denn. Es wurde mir nie wirklich klar.

Somit war ich, ein 12 Jahre alter Junge von meinem Standpunkt aus eigentlich gesund, im Spital unter wirklich kranken und für den Fährmann vorbereitete Menschen. Einmal bat mich der junge Mann neben mir im Zimmer, er hatte Nasenbluten, darum die Schale auszuleeren die schon voll mit seinen ein gebluteten Taschentücher war. Ich ging damit auf die Toilette und leerte alles ins WC, und betätigte dann die Spülung. Selbstverständlich war dann die Toilette verstopft. Klar auch das ich davon lief, nichts sagte und später dann die Stationsschwester ins Zimmer kam und mich stellte. Woher sie auch immer wissen konnte das ich es war, sie wusste es und meinte, wenn ich weiter solchen Unsinn mache, dann liefert sie mich einen Stock höher, in die Psychiatrie. Auch eine Art ein Dankeschön zu bekommen für freiwillige Hilfe.

Danach vermied ich es meistens Hilfe anzubieten. Ich entdeckte eher das rumstreunen in den Ambulanzen. Bekleidet mit Spital Mantel und Donald Duck Schlafanzug wanderte ich durch die Ambulanzen, Haut, Inneres, Kinder- und Jugendheilkunde, Orthopädie, Unfall.

Überall fand ich Menschen und beobachtete diese. Ältere Frauen lächelten mir öfter mal zu. Bestimmt dachten sie dabei an ihre Enkelsöhne. Ich hatte nie eine Oma. Deshalb war da auch nicht viel an Nähe zu gewinnen für mich. Ich lachte nie zurück. Fragte mich meistens wie lange ich wohl noch hier im Spital sein musste. Statt zu Hause bei meiner Mutter. Die hätte mir wenigstens Geschichten erzählt. Was sie immer machte wenn ich krank war. An den Wochenenden besuchte mich meine Familie, Schwester mit Buch, Vater mit Sorgenfalten und Mutter mit Kuchen und einer dicken Umarmung und einen Kuss auf die Wange. Feuchten Kuss öfter mal. Es war aber schön. So im Mittelpunkt der Familie zu stehen. Krankheit schien ein Weg zum dazu zu gehören. Endlich nach irre langen 6 Wochen wurde ich entlassen.

Das zweite mal war ich mit 15 Jahren genau eine Woche vor Weihnachten richtig krank.

 Ich wachte am Morgen auf mit höllischen Schmerzen auf der rechten Bauchseite. Klar ich hatte schon die ganzen Tage zu vor Bauchschmerzen. Lag deshalb auch schon einige Tage im Bett. An diesem Tag jedoch wachte ich Morgens auch. Schweißgebadet, anscheinend mit hohem Fieber. Ich torkelte zu meiner Mutter in die Küche, nach meinem Schmerz Bericht drückte sie mir auf der linken Bauchseite ihre Zeige- und Mittelfinger rein. Tut es dir jetzt rechts weh? War ihre Frage und ich schrie auf, Ja es tut irre weh da rechts. Blinddarm. War ihre Diagnose. Sofort rief sie den Arzt an und der gleich die Rettung. Beide kamen fast zeitgleich zu uns ins Haus, der Arzt untersuchte mich noch rasch gab dann aber meiner Mutter recht. Das war eine richtige und gute Entscheidung von ihnen. Abtransport mit dem Rettungswagen und Blaulicht. Meine Mutter hielt bis ins Spital meine Hand, strich mir immer wieder mit einem nassen Tuch über die Stirn, zwischendurch auch mal ein Kuss auf die Wange. Es tat echt total wirklich irre weh. Da im Rettungswagen, der über das Kopfsteinpflaster hoch zum Spital rumpelte. Dort angekommen wurde ich die die Chirurgische Ambulanz eingeliefert. Ein Arzt drückte auch noch mal auf die linke Bauchseite.

Gleichzeitig fragte er meine Mutter, hat er was gegessen, oft erbrechen die Patienten mit vollem Bauch. Meine Mutter verneinte die Frage. Da ich wieder aufschrie vor Schmerz schien es für ihn keinen Zweifel mehr zu geben. Blinddarm. Da spielen wir nicht lange rum meinte er, der OP ist ohnehin gerade frei, er holte die Oberschwester ran und erteilte ihr entsprechende Unterweisungen mich für eine OP fertig zu machen. Meine Mutter stand da ihre Augen weit aufgerissen, Tränen kullerten runter. Der Arzt ging zu ihr. Keine Angst um ihren Prinzen, er ist bei mir in guten Händen. Bei diesen Worten legte er meiner Mutter seine Hände auf ihre Unterarme. Sie sah erst ihn dann wieder mich an. Flüsterte ein leises, Danke. Dann schoben sie mich rüber in Richtung OP. Zogen mir die Klamotten aus. Einen Umhang für den OP bekam ich und dann lag ich auch schon im Operationssaal. Das Deckenlicht schien schattenlos von der Denke. Ein weiterer Arzt kam näher stach mir eine Nadel in den Unterarm, schloss daran eine Schläuchlein an. Dann bekam ich auch schon eine Maske übergelegt, Für die Narkose, erklärte mir der Arzt und ich solle mal von 100 rückwärts zählen. 100-99-98-97-96 ich erinnere mich das ich bis ca 78 kam dann erinnere ich mich an nichts mehr.

Ich wachte aus der Narkose auf, lag in einem Zimmer mit 2 weiteren Patienten. Meine rechte Bauchseite schmerzte, nein mein ganzer Körper schmerzte. Es war schon dunkel draußen vor dem Spital. Das sah ich, weil mein Bett genau gegenüber vom Krankenzimmer Fenster stand. Später sollte ich noch genauer aus dem Fenster sehen und bemerken das da der Blick, gerade wegs auf den Friedhof war. Wie passend. Dann hörte ich wie der eine neben mir gerade einen Witz erzählte. Verdammt, es war ein guter noch dazu. Ich musste lachen. Meine Wunde tat mir gleich doppelt weh. Der Mann im Bett meinte, jaja lachen ist gesund. Keine Ahnung doch bei allem was der Typ sagte, vor allem sein Dialekt und seine Stimmfarbe brachten mich alleine schon zum lachen. Das kann ja was werden. Stöhnte ich.

Es waren noch genau 6 Tage bis Weihnachten. Am nächsten Tag besuchten mich meine Mutter, mein Vater und meine Schwester wiedermal im Spital. He das wird ja noch interessant. Meine Schwester sogar ohne Buch. Scheinbar hatte sie jetzt die Bücher gegen Bilder von ihrem Freund eingetauscht. Denn diese hatte sie ebenfalls immer bei sich. Er war ja so ein schöner Kerl. Selbst meine Mutter gestand diesem Umstand, scheue Beachtung. Wie geht es dir denn? War die besorgte Frage meines Vaters. Der Mann aus dem Nebenbett antwortete für mich. Lachen geht schon wieder! Ja stöhnte ich auf. Er – dabei zeigte ich auf meinen Bettnachbar, erzählt ständig Witze.

Meine Mutter sah den Mann an, freundlich, fast dankbar, dafür das sich jemand um mich kümmerte mich zum lachen brachte. Wobei das jedesmal irre weh tat. Lachen ist zwar gesund, aber es tut dann doch weh. Werde ich zu Weihnachten zu Hause sein, war meine besorgte Frage an meine Eltern. Sie sahen sich an. Klar. Was hast du denn gedacht?

Die Besuchszeit ist leider jetzt vorüber, erklang die Stimme der jungen Krankenschwester Elisabeth. Sie war blond und verdammt hübsch. Da rührte wich öfter bei mir was im inneren wenn Sie das Zimmer betrat. Die Vorhänge aufmachte oder zu machte oder die Tabletten austeilte. Leider bekam ich nur eine Schmerztablette am Morgen. Gottseidank war ich auch gleich fähig alleine für mich die Toilette aufzusuchen. Ganz im Gegensatz zu dem Dritten im Bunde. Der lag in seinem Bett fast bis über die Nase in einem Ganzkörper Gips.

Okay dann wollen wir mal, sagte mein Vater. Meine Mutter beugte sich über mich gab mir einen Kuss, meine Schwester winkte mir zu und mein Vater drückte mir die Hand. Freitag kommen wir wieder. Sagte er, mit einem verschwörerischen Unterton. Es gefiel meinem Vater zwischen uns immer so geheimnisvoll zu reden. Das machte er schon immer. Ich stöhnte und drehte mich auf die Seite das ich ihnen zusehen konnte wie sie das Zimmer verließen. Dazuzugehören, es war ein gutes Gefühl, dieses Dazuzugehören.

Als die drei aus der Tür waren und auch Schwester Elisabeth das Zimmer verlassen hatte, sah ich den Witzbold neben mir an. Er lag da und studiert die Zeitung. Blätterte darin und dieses Geräusch war son heimelig darin konnte ich mich richtig reinkuscheln. Ja auch ein 15 jähriger braucht mal kuschelige Gefühle. Noch dazu wenn er so schwer krank war. Haha, ich wusste das bei so einer Aussage meine Schwester bestimmt die Augen verdreht hätte und mir zu gezischt hätte. Lusche. Du bist eine kleine Lusche. Früher hatten wir oft gerauft, also als ich noch klein war. 3 oder 4 Jahre alt. Da war meine Schwester immer die stärkere. Sie war ja auch 3 Jahre älter. Doch das Blatt wendete sich von Jahr zu Jahr und mit 10 Jahren überragte ich meine Schwester gut um einen Kopf und Kämpfe wurden dann eher verbal ausgetragen. Bis später, bis sie anfing Jiu Jitsu zu trainieren. 1.58 groß war meine Schwester, aber die legte Type auf den Boden die waren 1.80, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie wusste nicht nur was sie wollte, sie setzte es auch um. Innerlich bewunderte ich meine Schwester immer. Nach außen galt es jedoch den stolzen jüngeren Bruder zu spielen.

Ich sah meinem Bett Nachbarn weiter zu beim lesen und umblättern in der Zeitung. Er hatte erst gestern erzählt das seine Frau vor knapp einem Jahr gestorben war. An einer verschleppten Lungenentzündung. Es war genau zur Weinlese. Er hatte vor 2 Wochen einen Unfall mit der Kreissäge. Er schnitt gerade einen Baum zusammen in 50 cam lange Stücke, dabei sprang das Sägeblatt aus der Führung und sprang über den Sägetisch und über seinen linken Oberschenkel runter auf den Betonboden. Dort rollte es noch weiter während Witzbold laut aufschrie vor Schmerzen. Sein Sohn rannte herbei, versorgte notdürftig die Wunde mit seiner Arbeitsjacke. Brachte dann den Vater auf den schnellsten Weg ins Spital. Wo dieser jetzt seit zwei Wochen lag. Einen Gips und gute Ratschläge seines Sohnes bekommend.

Der andere Zimmernachbar, hatte einen schweren Autounfall. Er knallte auf einer kurvigen Strecke in den umliegenden Bergen, gegen einen Sattelschlepper der Holz aus den Bergen zu Tal brachte. Meistens hörten wir ihn nur stöhnen. Er wurde vor 2 Tagen eingeliefert. Sein Alter laut der Krankentafel an seinem Bett. 26 Jahre. Um ein Jahr älter als der Sohn von Witzbold. Dieser hatte im übrigen drei Söhne und eine Tochter. Sie besuchten den Vater immer am Wochenende und dann gab es mal Report dem Vater über alles was Daheim am Hof so los war. Da kam ein deutliches Gefühl von Zugehörigkeit zu mir rüber, in dieser Familie wusste jeder wo sein Platz war. Was er zu tun hatte und wann und wie. Oftmals erzählte mir der Witzbold nachdem seine Kinder weg waren, wie schade es doch ist das seine Frau gestorben ist. Sie wäre bestimmt irre stolz gewesen auf sie. Meinte ich. Ja. In den Momenten wo er über seine Frau kurz sprach, waren es nicht Witze oder witzige Sprüche die er verlautbarte. Dann sah er oft lange gegen die Zimmerdecke und seufzte.

Woran ist sie denn gestorben, nahm ich mal meinen ganzen Mut zusammen und fragte , sah dabei rüber. Er drehte seinen Kopf zu mir und ich sah in seinen Augen Tränen. Das tat mir fast mehr jetzt weh als meine Wunde von der Blinddarmoperation. Es war an einem strahlend schönen September Morgen. Wir wollten gerade los. Vor uns lagen 5 Hektar Weingärten die abzuernten waren. Meine Frau hustete schon die ganzen letzten Tage. Sie meinte jedoch das nicht so schlimm. Ihr fehle nur die frische Luft. Selten habe ich meiner Frau widersprochen wenn es um Gesundheits Dinge ging oder um Haushalts Sachen oder in der Kindererziehung. Doch heute hustete sie wirklich irre, dachte ich mir. Anna meinte ich, Anna sollen wir nicht lieber zum Arzt fahren?

Nein, wir müssen in den Weingarten, gab sie tapfer zurück. Ich startete den Traktor und ab ging es in Richtung Weingärten. Meine Frau saß hinten am Anhänger. Nach einer halben Stunde kamen wir bei unserem Weingarten an. Ich stellte den Traktor am Rande des Weingartens ab. Hüfte runter und half meiner Frau vom Anhänger. Sie hustete. Doch sie ging auf die Lesehelfer zu und teilte die Reihen ein. Es warnen insgesamt 12 Leute, 8 Frauen 4 Männer die uns halfen bei der Weinlese. Franz unser Knecht sprang hoch auf den Traktor und manövrierte diesen in Richtung der ersten Reihe und schon konnte es los gehen. Nach einer Stunde fleißigen ernten  von Trauben in Kübel und dem vollen Kübel dann hoch in den Anhänger zu bringen. Hörte ich auf einmal Magda laut nach mir rufen. Die Chefin, um Himmels Willen. Ich lief um den Anhänger rum, und da lag meine Frau am Boden. Am Rücken. Ich stürmte zu ihr. Kniete mich neben sie. Ihre Augen waren geweitet. Aus ihrem Mund rann etwas Blut. Franz schrie ich hol deinen Wagen wir müssen sofort ins Krankenhaus.

Franz lief um seinen Wagen und um das Leben meiner Frau. Ich hielt ihre Hand. Ihre Augen geweitet. Fühlte ihren Herzschlag, ganz rasend schnell. Doch sie atmete ganz langsam. Franz war da, ich trug sie zum Auto und in einem wahren Höllenritt waren wir nach kaum 20 Minuten im Spital. Die Ärzte kümmerten sich sofort um meine Frau. Doch leider, die Lungenentzündung war zu weit fortgeschritten. Es gab keine Hilfe mehr. 1 Woche früher ja doch jetzt nicht. Der Arzt drückte mir traurig die Hand. Ich lehnte an der Wand zum Arztzimmer konnte es nicht verstehen.  Meine Kinder kamen gerade reingestürmt.

Hier brach er die Erzählung ab. Sah hoch an die Zimmerdecke. Mir tat jetzt mein Herz sehr weh. Es war eine sehr sehr traurige Geschichte. Kein Wunder das dieser Mensch keine Gelegenheit ausließ andere zum lachen zu bringen. Es musste ihn tief sehr tief verwundet haben. Leider heilen mache Wunden niemals. Ich wollte den Mann trösten, doch mir fiel nichts ein womit ich ihn hätte trösten können. Dann fiel mir eine Geschichte ein die mir meine Mutter schon öfter erzählt hatte von meiner Oma.

Ich sah zu den Schmerz erfüllten Witzbold rüber und fragte ihn ob ich ihm eine Geschichte erzählen dürfe. Er sah weiter hoch zur Zimmerdecke nickte jedoch. Deshalb begann ich die Geschichte zu erzählen die mir meine Mutter vor Jahren über meine Oma erzählt hatte.

Engel Rauschen.

Meine Oma hatte diese Geschichte meiner Mutter erzählt. Auch damals als Trost. Der Vater meiner Oma lag im sterben. Eines Morgens hat er mit seinem Zeigefinger über die Innenseite ihrer Hand gestreichelt und gesagt sie werden dich berühren. Wer mein Vater wird mich berühren. Fragte meine Oma ganz aufgeregt. Sie war damals kaum älter als 10 Jahre. Der Engel. Dann schlief er ein. Doch er ist nicht wirklich eingeschlafen. Er ist in diesem Moment von uns gegangen. Leise wie es eben seine Art war, wenn er krank war lag er leise in seinem Bett und heilte seine Krankheiten aus. Dieses mal heilte ihn sein Lebensende. Tränen liefen über die Wangen meiner Oma. Ihr Vater starb also an diesem Morgen. Einfach so. Still und leise wie es eben seine Art war. Ihr Vater hat niemals gefordert hat niemals geplant. Er nahm an und folgte dem Weg. Es war mein Urgroßvater. Meine Mutter meinte das ich sie öfter mal an ihn erinnerte, gerade dann wenn ich vor ihr am Boden lag oder auf der Bank in ihrer Küche und sie nach Geschichten fragte. Auch er sammelte Geschichten und erzählte diesen dann weiter. Sagte immer – hinter jeder Geschichte steht die Seele eines Menschen. Respektieren wir die Seele des Menschen, werden wir den tiefen Sinn einer Geschichte erkennen. Jede Geschichte die wir über Menschen erzählen wird diesen um ein Stück mehr unsterblich machen.Damals da am Bett des Vaters meiner Oma stand sie auf – rief nach ihrer Mutter und ging weg. Traurig, doch folgte sie dem Gefühl tief in ihrem Herzen. Sie verließ das Haus und lief noch immer traurig und voll Tränen in den Augen den Fluss entlang der an ihrem Haus in 100 Meter Entfernung vorbei floss.

Sie sah die Enten. Sah ganz weit vorne ein Schiff, das gerade dabei war im Hafen anzulegen. Es war der Hafen nahe dem Heimatort meiner Oma. Sie blieb plötzlich stehen, da am Fluss am Flussufer stand sie und schaute rüber ans andere Ufer. Dabei glitzerten die Wellen im Sonnenlicht. Die Wellen verursachte der Frachter der in den Hafen einlief. Es war kein Geräusch zu hören in diesem Moment. Kein Vogelgesang – keine Möwe die krächzte wie sonst so oft. Dann bewegte sich plötzlich der Besenginster ein Strauch vor meiner Oma am Flussufer. Nichts sonst bewegte sich. Sie trat wie durch ein Magnet angezogen näher an den Strauch und als sie nahe genug war – berührte sie ein Zweig des Besenginster mit den vielen Blüten an ihrer linken Hand. Es schoss ein Gefühl durch ihre Hand, das Gefühl das sie immer hatte wenn ihr Vater sie berührte, genau an dieser Stelle. Der Engel wir dich berühren. Das waren seine letzten Worte. Daran dachte in diesem Moment meine Oma. Sie vernahm weiter das Rauschen der Blätter. Nicht irgend ein Wind verursachte dieses Rauschen. Es waren die Flügel eines Engels. Die Flügel ihres Vaters. Engels Rauschen flüsterte in diesem Moment meine Oma. Oft sehr oft habe sie dieses Engels Rauschen danach noch vernommen und immer die Nähe ihres Vaters gespürt.

Als ich mit der Gesichte fertig war, sah ich zu meinem Bettnachbar rüber, er hatte lange schon seinen Kopf zu mir gewandt. Jetzt lächelte er mich an. Nein nicht so als hätte er gerade einen Witz erzählt. Er lächelte erleichtert. Weißt du, fing er an zu erzählen. Öfter mal wenn ich durch den Weingarten gehe, wo meine Frau zusammengebrochen ist, genau dann spüre ich auch dieses Engels Rauschen. Danke für deine Geschichte, jetzt weiß ich das dieser Engel meine Frau ist, die mich besucht um mir zu zeigen, das sie immer an mich denkt.

Engels Rauschen. Waren an diesem Abend seine letzten Worte. Ich wusste, das er seit langem mal wieder glücklich einschlief.

Zu meiner Überraschung hörte ich an diesem Abend das erste mal die Stimme meines anderen Bettnachbar. Das war eine schöne Geschichte. Danke.

Ich lag in meinem Bett. Starrte zur Zimmerdecke hoch. Seit langem fühlte ich keine Schmerzen. Das lag nicht an der Tablette von Schwester Elisabeth. Es lag daran das diese beiden Männer mir ihrer Dankbarkeit mein Herz berührten.

Freitag Morgen war ich aufgeregt, ich durfte nach Hause.

Meine Eltern holten mich ab, es war der Weihnachtstag. 24. Dezember. Ich liebte das Weihnachtsfest. Vor allem deshalb weil an diesem Abend meine Eltern sich Zeit nahmen. Zeit nahmen für sich. Für uns. Für das Jahr. Es war ein Ausklang. Alle unsere Verwandten die sich zu meinem Geburtstag immer einstellten und viel Zwietracht ins Heim brachten kamen nicht. Hätte ihnen ja auch einiges an Geschenke gekostet. Dann mal lieber nicht vorbeikommen. Ihr habt ja eh alles war dann die oft gehörte Ansprache. Da schwang dann auch immer mit das mein Vater das Haus seiner Eltern übernommen hatte. Die restlichen Schwestern nur eine kleine Abfindung bekamen, es war nicht sehr viel da zum aufteilen.

Am schönsten an diesem Tag war es, mit meinem Vater am Vormittag los zu ziehen, den Weihnachtsbaum zu besorgen. Mein Vater war im zweiten Seelenberuf bestimmt einer der abgedrehtesten Händler dieser Erde. Deshalb fragte ich am Heimweg vom Spital meinen Vater, hast du den Baum schon besorgt? Er sah mich im Rückspiegel des Opel an. Sohn was denkst du von mir? War seine Antwort. Mutter ist eh schon nervös, doch ich wollte nicht ohne dich los. Das wird dann aber wohl knapp werden. Gab ich zu bedenken. Naja dann aber auch günstiger. Lachte er los. Von jetzt an hatte ich einen neuen Job. Ich sah mir die Augen aus nach einem Marktstand mit Christbäumen. Klar 15 Jahre alt, aber am Ende war auch ein 15 Jahre alter Junge in der Nähe seiner Eltern gern mal wieder ein kleiner Junge. Speziell wenn es um das Gefühl des dazu gehören ging.

Da, rief ich plötzlich nach dem ich am Hauptplatz des Ortes durch den wir eben fuhren einen Christbaum-stand sah. Mein Vater blickte ebenfalls in diese Richtung und lenkte den Wagen gerade auf den Verkaufsstand zu. Der Händler war schon dabei seine übrig gebliebenen Bäume auf den Händler zu verstauen. Das wird bestimmt lustig. Dachte ich bei mir. Meine Mutter blieb lieber im Wagen zurück. Sie wollte die Taktik meines Vaters nicht durch ihr schelmisches Grinsen gefährden.

So gingen mein Vater und ich langsam auf den Verkäufer zu. Der hatte uns längst gesehen, tat aber unbeteiligt. So als wolle er eh kein Geschäft mehr machen um diese Zeit. Mein Vater kam näher, sah sich oben am Anhänger die Bäume an. Dann sah er mich an und deutete auf den untersten der Bäume. Darüber lagen gut 20 Stück Christbäume fein sortiert. Während er den Finger über die Äste des Baumes streifen ließ, sah er mich an und meinte, ich habe es dir gesagt. Er sagte nicht mehr nur diese Worte. Ich spielte mit. Die Rolle des 15 Jährigen. Der sich aufmüpfig benahm. Ja und ich habe gesagt fahre schneller mit deinem Schwamm. Dabei deutete ich auf unser Auto. Mein Vater hatte noch nicht einmal zum Verkäufer geblickt, ich dafür hatte diesen gut im Blick. Er sah uns beide an, eher so als wären wir kurz irgendwo ausgebrochen. Krankenanstalt oder Gasthaus. Mein Blick galt dem Verkäufer, angesammelt mit einem tiefen Seufzer. Sollte eine Art, ich weiß er ist seltsam, ausdrücken. Wollen sie noch einen Baum? Fragte der Verkäufer. Dabei blickte er zu meinem Vater. Er sah hoch und er sah dem Händler ins Gesicht, ohne mit einer Wimper zu zucken antworte mein Vater. Wie lange haben sie gebraucht die Bäume da alle aufzuladen?

Was, klar war der steirische Akzent zu hören. Stunde. Gab er zurück. Lange Zeit murmelte mein Vater. Was jetzt wollen sie einen Baum, ich mach eigentlich schon Schluss, will ja auch mal Heim. Mein Vater sah den Verkäufer an, was würde der den kosten? Dabei deutete er auf den Baum den untersten auf dem Anhänger. Der, der fast ein stottern des Verkäufers, wieso gerade der – da hab ich noch einen der sieht ja genau so aus, dabei griff der Verkäufer nach dem Baum gleich links neben ihm. Der kostet 250 Schilling. Genau wie der da auf dem Anhänger. Mein Vater griff nach dem Baumstamm des Tannenbaums. Sah den Mann an und meinte, ja aber der passt genau in mein Kreuz, das sehe ich vom Umfang. Ich habe schon oft einen gekauft, gerade aus der Steiermark, und die passten dann nicht in das Kreuz. Ich sag ihnen ein Geheimnis, meine Frau ist auch aus der Steiermark, dabei deutete mein Vater in Richtung unseres Autos, alle Jahre zu Weihnachten habe ich das selbe Theater daheim, das sie dann immer behauptet ich könne die Bäume nicht so einkaufen wie es einst ihr Vater konnte. Jetzt sah mein Vater dem Verkäufer nochmals genau in die Augen und wiederholte. Alle Jahre. Jedes Jahr. Stimmt es nicht mein Sohn. Dabei sah er mich jetzt an. Ich nickte stumm vor mich hin. Widerborstigen Blickes, doch innerlich lachte ich, ich wusste genau was jetzt kam.

Der Verkäufer starrte meinen Vater an, dann den Baum am Anhänger, den Baum in seiner Hand und zum Schluss rüber zum Auto wo meine Mutter drinnen saß. Diese spielte auch mit, drehte das Fester runter und rief, wie alle Jahre. Drehte wieder die Kurbel am Fenster und schloss es. Jetzt setzt mein Vater einen fast schon verzweifelten Blick auf, ich mache ihnen einen Vorschlag, sie geben mir diesen Baum da, dabei zeigte mein Vater auf den Baum in der Hand des Verkäufers um 150 Schilling und kommen mit rüber und erklären meiner Frau das ich eigentlich diesen da am Hänger wollte weil er besser ins Kreuz passt. Ich bin mir sicher das Sie, als Steirer sie sanfter stimmen werden und ich nehme dann die jährliche Schelte auf mich. Bei diesen Worten hielt mein Vater dem Verkäufer die 150 Schilling hin. Dieser machte wieder einen Rundblick – Baum am Hänger, Baum in seiner Hand, sein Blick streifte mich, etwas länger unserem Wagen, dann meinen Vater und zuletzt das Geld in der Hand meines Vaters.

Er griff einfach zu, ohne lange zu überlegen, drücke meinem Vater den Baum in die Hand. Dieser überragte meinen Vater der 1.80 groß war, er nahm ihn lächelnd entgegen. Dann stapfte der Verkäufer rüber zu unserem Wagen, während wir den Baum oben am Dach des Autos verstauten, hörte ich wie der Verkäufer auf meine Mutter im steirischen Dialekt einredete. Ich verstand die Worte, am Hänger und der da, dabei zeigte er auf den Baum am Dach. Meine Mutter antwortete ihm in dem sie von ihrem Vater erzählte und dankte mit den Worten, wenn ich einem Landsmann damit helfen kann.

Der Verkäufer eilte zurück zu seinem Stand und warf jetzt gleich 2 Bäume auf den Hänger, scheinbar wollte er schnellstens weg. Als wir wieder auf der Hauptstraße waren, lachten wir auf. Vater du bist ganz schön abgedreht. Sagte ich. Dabei lächelte ihn meine Mutter zu. Kannst dir vorstellen wie er damals meinem Vater die Brautgabe abgehandelt hat. Sagte sie während sie zu mir zurück sah. Mein Vater lächelte in den Rückspiegel. Sagte zu mir, jeder hat seinen persönlichen Schwachpunkt. Diesen erkennen und ohne ihn auszunützen zu deinem Vorteil zu machen ist das Geheimnis. Ja so war mein Vater. Kein Wunder das er im Gemeinderat beliebt war. Wenn Politik eines war dann die Kunst des Handels hoch Zehn.

Wie konnte ich so einen wunderbaren Menschen nicht lieben?

Ja Dich mein Vater liebe ich, wo auch immer du jetzt bist, wünsche ich dir viele viele tolle Verhandlungen. 

Bestimmt sitzt du im Engel Parlament. 

zurück weiterlesen


Verschick die Story auch über WhatSApp